Ein Praktikum vor der Ausbildung ist eine der wertvollsten Erfahrungen, die du machen kannst. Es klingt nach zusätzlicher Arbeit — ist aber tatsächlich eine Investition in deine Zukunft, die sich mehrfach auszahlt.
In diesem Artikel erfährst du, warum ein Praktikum so wichtig ist, welche Arten es gibt, wie du einen Praktikumsplatz findest, welche Rechte du während eines Praktikums hast und wie du es in deiner Bewerbung optimal nutzt.
Warum ein Praktikum vor der Ausbildung so wertvoll ist
1. Du testest, ob der Beruf wirklich zu dir passt
Viele Schüler denken, sie wollen einen bestimmten Beruf erlernen — aber nach ein paar Wochen Praktikum merken sie, dass es doch nicht das Richtige ist. Das ist nicht schlecht, das ist gold. Besser, du merkst das vor der 3-jährigen Ausbildung als nach 6 Monaten.
Beispiel: Tim dachte, er wollte Kfz-Mechaniker werden. Nach zwei Wochen Praktikum merkte er, dass ihm der Ölgeruch nicht liegt und er lieber mit Menschen als mit Maschinen arbeiten möchte. Seitdem macht er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann — viel glücklicher.
2. Deine Bewerbung wird konkurrenzfähig
Wenn du ein Praktikum absolviert hast, steht das prominent in deinem Lebenslauf. Das zeigt:
- Du bist bereit, deine Freizeit zu investieren
- Du hast echte Branchenerfahrung
- Du weiß, wovon du sprichst (keine Theorie)
Wenn 5 Kandidaten mit ähnlichen Schulnoten sich bewerbem, gewinnt oft derjenige mit Praktikumserfahrung.
3. Du hast konkrete Geschichten für dein Vorstellungsgespräch
Statt "Ich bin motiviert" kannst du sagen:
"Während meines Praktikums habe ich gelernt, dass die Kundenbetreuung das Herz des Einzelhandels ist. Besonders stolz bin ich auf die Zeit, als ich einer älteren Kundin bei der Auswahl geholfen habe und sie später mit einem breiten Lächeln wieder kam, um mir zu danken."
Das überzeugt.
4. Du netzwerkst und sammelst Referenzen
Ein Praktikumsbetrieb kann dir später ein Praktikumszeugnis ausstellen (siehe unten). Dieses Zeugnis ist Gold — es bestätigt deine Zuverlässigkeit, deine Lernfähigkeit und deine Arbeitsleistung.
Manchmal führt ein Praktikum sogar direkt zu einer Ausbildung: Der Betrieb kennt dich, mag dich, und bietet dir einen Ausbildungsplatz an.
Die verschiedenen Arten von Praktika
1. Schülerpraktikum (Schulisches Praktikum)
Dauer: 1–3 Wochen (meist in der 9. oder 10. Klasse)
Voraussetzung: Deine Schule organisiert es, oft Pflicht
Bezahlung: Meist unbezahlt oder Taschengeld
Einsatz: Kannst oft bei deinem Wunschberuf schauen
Vorteil: Geringe Hürde, niedrige Erwartungen, risikolos
Nachteile: Kurz, manchmal triviale Aufgaben
Beispiel: "In der 9. Klasse hatte ich 2 Wochen Schulpraktikum bei der Zahnarztpraxis Dr. Schmidt. Ich habe gelernt, wie Patientendaten verwaltet werden und wie wichtig Hygiene ist."
2. Freiwilliges Praktikum / Schnupperpraktikum
Dauer: 1–8 Wochen (selbst organisiert)
Voraussetzung: Du suchst dir einen Betrieb und fragst an
Bezahlung: Oft unbezahlt, manchmal kleine Vergütung
Einsatz: Flexibel, in den Ferien oder während der Schule (mit Zustimmung)
Vorteil: Du wählst, du zeigst Initiative, intensiver als Schulpraktika
Nachteile: Du musst es selbst organisieren, keine Garantie für Platz
Beispiel: "Nach der 9. Klasse habe ich mich eigeninitiativ bei REWE angemeldet und ein 4-Wochen-Praktikum in den Sommerferien gemacht. Das war meine Entscheidung und hat mir viel über Einzelhandel beigebracht."
3. Einstiegsqualifizierung (EQ)
Dauer: 6–12 Monate
Voraussetzung: Du hast keinen Schulabschluss oder findest keinen Ausbildungsplatz
Bezahlung: Ja! Du erhältst eine monatliche Vergütung (Höhe variiert)
Einsatz: Wird oft von Arbeitsagentur/Jobcenter vermittelt
Vorteil: Längere Erfahrung, Vergütung, kann zu Ausbildung führen
Nachteile: Mehr Verpflichtung, offizielle Struktur
Beispiel: "Nachdem ich keinen Ausbildungsplatz gefunden hatte, habe ich eine EQ bei der Metallbau-Firma Schmidt gemacht. Nach 8 Monaten haben sie mir eine Ausbildung angeboten."
4. Berufsvorbereitungsjahr (BVJ)
Dauer: 1 Jahr Vollzeit
Voraussetzung: Du hast keinen Schulabschluss und benötigst Orientierung
Bezahlung: Nein, aber Fahrtkosten oft erstattet
Einsatz: Berufskolleg, verschiedene Schnupperphasen in Betrieben
Vorteil: Umfassend, hilft bei Orientierung, anerkannt
Nachteile: Zeitaufwendig, keine Vergütung
Beispiel: "Im BVJ habe ich 3 verschiedene Berufe ausprobiert und bin am Ende bei Elektrotechnik geblieben."
Wie du einen Praktikumsplatz findest
1. Online-Portale
- ZUKUNFTSTART (Ausbildungsplattform mit Praktika)
- praktikum.info
- ausbildung.de
- arbeitsagentur.de
- Indeed.de
Nach deinem Praktikum kannst du deine Erfahrung nutzen, um einen Ausbildungsplatz zu finden.
2. Direkt bei Betrieben nachfragen
Schritt 1: Notiere dir 5–10 Betriebe in deiner Nähe in deiner Branche
Schritt 2: Ruf an und frage: "Bietet ihr Schulpraktika/freiwillige Praktika an? Gibt es noch freie Plätze?"
Schritt 3: Wenn ja, frage nach der Ansprechperson und den nächsten Schritten
Schritt 4: Schreib eine formale Bewerbung (ähnlich wie bei einer Ausbildung)
Beispiel-Anruf:
"Guten Tag, mein Name ist Max Müller. Ich interessiere mich für
einen Praktikumsplatz bei euch im Bereich Elektrotechnik.
Habt ihr noch Kapazität für ein 4-Wochen-Praktikum in den
Sommerferien?"
→ Meist sagen sie ja oder nein, oder verbinden dich mit
der Personalstelle.
3. Dein Schulnetzwerk
- Sprich mit deinen Lehrern — sie kennen oft Betriebe
- Frage deine Eltern, ob sie Kontakte in deiner Wunschbranche haben
- Schau, wo alte Schüler arbeiten
4. Berufsmessen und Infotage
- Viele Betriebe stellen sich auf Messen vor und nehmen Praktikanten an
- Bei Infotagen kannst du konkret fragen
Deine Rechte während eines Praktikums
Praktikanten sind nicht rechtlos. Hier sind deine Rechte:
✅ Mindestlohn: Ab 1. Januar 2024 mindestens 12,41€/Stunde (bei entgeltlichen Praktika)
✅ Arbeitsschutz: Der Betrieb muss deine Sicherheit gewährleisten (Arbeitshandschuhe, Schutzbrille, etc.)
✅ Pausen: Bei 6 Stunden: 30 Min Pause; bei 8 Stunden: 60 Min Pause
✅ Dokumentation: Das Praktikum muss in die Personalakte aufgenommen werden
✅ Zeugnis: Du hast Recht auf ein Praktikumszeugnis
✅ Datenschutz: Deine persönlichen Daten sind geschützt
❌ Was verboten ist:
- Willkürliche Entlassung ohne Grund
- Unbezahlte Überstunden (über längere Zeit)
- Diskriminierung wegen Geschlecht, Religion, etc.
- Gefährliche Aufgaben ohne Sicherheitsausrüstung
Wichtig: Wenn etwas schiefgeht, sprich mit deinen Eltern, deinem Schulberater oder der IHK (Industrie- und Handelskammer).
Das Praktikumszeugnis — Dein Gold-Ticket
Ein Praktikumszeugnis ist eine offizielle Bescheinigung deines Praktikumsbetriebs, die beschreibt:
- Dauer des Praktikums
- Deine Aufgaben
- Deine Leistung und Fähigkeiten
- Dein Verhalten / deine Pünktlichkeit
- Eine abschließende Bewertung
Beispiel (gekürzt):
PRAKTIKUMSZEUGNIS
Herr Max Müller hat vom 15.03.2024 bis 12.04.2024 in unserem
Unternehmen REWE Markt GmbH als Praktikant im Einzelhandel
mitgearbeitet.
In dieser Zeit war er verantwortlich für:
- Kassendienst
- Wareneingangsprüfung
- Kundenbetreuung
Bewertung:
Max arbeitete gewissenhaft und zuverlässig. Er zeigte großes
Interesse an den betrieblichen Prozessen und war immer pünktlich.
Seine Zuverlässigkeit und Lernfähigkeit waren hervorragend.
Alles in allem war Herr Müller ein geschätzter Praktikant,
und wir würden ihn jederzeit wieder einstellen.
gez. [Unterschrift]
Berlin, 15. April 2024
Das Zeugnis brauchst du für:
- Deinen Lebenslauf
- Deine Bewerbung zur Ausbildung
- Als Referenz im Vorstellungsgespräch
- Für dein Portfolio
Wichtig: Frag am Ende des Praktikums IMMER nach einem Zeugnis. Die meisten Betriebe stellen es kostenlos aus.
Was du aus einem Praktikum lernen solltest
Ein erfolgreiches Praktikum ist nicht nur "Zeit absitzen". Hier ist, was du konkret mitnehmen solltest:
1. Branchenerkenntnis
✅ Wie sieht der Arbeitstag wirklich aus?
✅ Welche Aufgaben mag ich, welche nicht?
✅ Was sind die größten Herausforderungen im Beruf?
Beispiel: "Ich dachte, Elektrotechnik wäre nur Kabel verlegen. Ich habe aber gemerkt, dass auch viel Planung, Kundenbetreuung und Dokumentation dazugehört. Das mag ich!"
2. Fachkenntnisse
✅ Erste praktische Fertigkeiten
✅ Branchenterminologie
✅ Sicherheitsstandards
Beispiel: "Ich kenne jetzt den Unterschied zwischen Wechselstrom und Gleichstrom, und ich weiß, wie wichtig eine fehlerfreie Verkabelung ist."
3. Persönlichkeitsentwicklung
✅ Selbstvertrauen ✅ Kommunikationsfähigkeit ✅ Teamfähigkeit ✅ Professionelle Verhalten
4. Netzwerk
✅ Kontakte zu potentiellen Ausbildungsbetrieben ✅ Mentoren, die dich später unterstützen ✅ Referenzen für deine nächsten Bewerbungen
Häufige Fehler beim Praktikum
Fehler 1: Langweile zulassen
❌ "Mir wurde nur einfache Aufgaben gegeben, ich habe nicht viel gelernt."
✅ Frag aktiv nach: "Kann ich auch bei [komplexere Aufgabe] helfen?"
Fehler 2: Dich nicht einmischen
❌ Nur Aufträge ausführen, nie Fragen stellen
✅ Frag Fragen: "Warum macht ihr das so und nicht anders?"
Fehler 3: Unpünktlichkeit / Unzuverlässigkeit
❌ Zu spät kommen, Tage absagen
✅ Sei pünktlich und zuverlässig — das ist deine Chance
Fehler 4: Das Zeugnis vergessen
❌ Nach dem Praktikum: "Ach, Zeugnis? Brauche ich das nicht."
✅ Am letzten Tag: "Kann ich bitte ein Praktikumszeugnis?"
Fehler 5: Passive Haltung
❌ "Mir wurde nichts beigebracht."
✅ "Ich bin aktiv reingegangen, habe gefragt und habe viel gelernt."
Häufige Fragen
F: Wie lange dauert ein Praktikum vor der Ausbildung? A: Idealerweise 2–4 Wochen. Schnupperpraktikum (1–2 Wochen) ist zu kurz, um wirklich zu verstehen, ob dir der Beruf liegt. 2–3 Wochen sind perfekt — lang genug für echte Insights, aber noch vertretbar von der Schule.
F: Wird ein Praktikum bezahlt? A: Nicht immer. Kurz-Praktika sind oft unbezahlt (gesetzlich: unter 2 Wochen, Betriebe zahlen aber manchmal freiwillig). Längere Praktika (3+ Wochen) werden oft mit 200–400€/Monat bezahlt. Frag vorab, was dich erwartet.
F: Kann ein Praktikum zur Ausbildung führen? A: Ja, häufig! Du machst einen guten Eindruck im Betrieb, der Betrieb sieht, dass du motiviert bist, und bietet dir direkt eine Ausbildungsstelle an. Das ist sogar eine der besten Wege zur Ausbildung — ohne großes Bewerbungs-Gesöff.
F: Was soll ich während des Praktikums lernen? A: 1) Ob dir der Beruf wirklich Spaß macht, 2) Wie der Alltag aussieht (nicht nur die schönen Aufgaben), 3) Wer arbeitet dort (Kollegen, Team), 4) Ist die Work-Life-Balance ok?, 5) Verdienst nach der Ausbildung?, 6) Aufstiegschancen?. Schreib dir Notizen auf.
F: Kann ich mehrere Praktika hintereinander machen? A: Ja, und das ist sogar empfohlen! 2–3 verschiedene Praktika in verschiedenen Berufen geben dir die beste Orientierung. Das zeigt auch Betrieben, dass du ernsthaft recherchierst.
Praktikum vor Ausbildung: Die Timeline
Wenn du die Ausbildung im September/Oktober starten möchtest:
Dezember–Februar: Praktikumsplatz suchen
März–Mai: Praktikum absolvieren
Juni: Praktikumszeugnis holen, es in deinen Lebenslauf einbauen
Juli–August: Bewerbungen schreiben (mit Praktikum-Erfahrung!)
September: Ausbildung startet mit deinem neuen Wissen und Selbstvertrauen
Spezielle Szenarien: Wann ein Praktikum besonders wichtig ist
Szenario 1: Du bist dir unsicher, ob der Beruf passt
Lösung: Mach ein 2–4 Wochen Schnupperpraktikum. Besser jetzt testen als später bereuen. Wenn du grundsätzlich nicht weißt, welcher Beruf zu dir passt, sieh dir unsere Guides Welche Ausbildung passt zu mir? oder RIASEC-Berufstest an.
Szenario 2: Du hast schlechte Schulnoten
Lösung: Ein gutes Praktikumszeugnis zeigt, dass es nicht an der Fähigkeit liegt. Arbeitgeber gewichten praktische Erfahrung oft höher als Noten.
Szenario 3: Du findest keinen Ausbildungsplatz
Lösung: Mach eine Einstiegsqualifizierung (EQ). Das sind 6–12 Monate bezahltes Praktikum, das oft in eine Ausbildung mündet.
Szenario 4: Du brauchst Orientierung
Lösung: Mach mehrere Praktika in verschiedenen Bereichen (z. B. Handwerk, Einzelhandel, Büro). Das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) kann hier auch helfen.
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Das richtige Praktikum zu finden ist manchmal schwer — es gibt zu viele Optionen und du weiß nicht, wo du anfangen sollst.
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Ein Praktikum vor der Ausbildung ist eine Investition in dich selbst. Es kostet Zeit, aber die Rückgabe ist enorm: Mehr Sicherheit, bessere Chancen, konkrete Erfahrung.
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